episteme    Lektorat    Text    Recherche    Arbeitsproben    AGB    Impressum       eMail
 

 

Dieser Satz des Philosophen Ernst Bloch ist das Motto der 1967 in Rheinland-Pfalz geborenen Ulrike Mirjam Wilhelm, deren historischer Roman Die Theaterprinzessin im Sommer 2002 erschienen ist. Wichtig ist ihr der Bloch'sche Satz, weil er ihr zeigt, dass es "an einem selber liegt, in der Landschaft die Wunschlandschaft zu erkennen, im Bestehenden die Möglichkeit und im Vorhandenen das gegebene Glück". Und dass die Schriftstellerin es Ernst damit meint, zeigt nicht nur ihr bisheriger Lebensweg, sondern auch ihr Umgang mit dem Möglichen und Vorhandenen in ihrer Familiengeschichte.

Sie begann schon als Schülerin für die Lokalzeitung zu schreiben, studierte dann Volkswirtschaft, merkte aber schnell, dass dies nicht das Richtige war, Kulturjournalismus war ihr Traum. Also befolgte sie den Rat eines Redakteurs und ging nach Hamburg an die Hochschule für Bildende Kunst. Danach wollte sie ein Volontariat bei der heimatlichen Lokalzeitung machen, wurde aber wiederholt abgelehnt. Gemäß ihrem Verständnis des Bloch'schen Satzes absolvierte sie das Volontariat dann eben beim Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt, besuchte die Henri-Nannen-Schule und absolvierte Praktika: Polizeireporterin, Ressort Reise bei der ZEIT und im stern Auslandsressort. Letzterer schickte sie für eine Reportage nach Bosnien. Alles in Allem wahrlich keine schlechte Vorbereitung und Einstieg in den Beruf. Aber auch als Schriftstellerin, die sie inzwischen ist, lässt sich ihre Interpretation des Bloch-Satzes in ihrem Werk wiederfinden.

Hier gibt es nämlich ein verborgenes gemeinsames Thema in den geplanten und in Arbeit befindlichen Büchern: die Beschäftigung mit dem Judentum. Wilhelm hatte das Glück, eine Großmutter zu haben, die die Vergangenheit nicht vergehen lassen wollte. Sie ist ein Beispiel dafür, wie wichtig die Erzählungen der Großeltern für die Enkel sein können. Die Geschichten über die Urgroßmutter Elisa, erzählt von der Großmutter, bei der Wilhelm als Kind einige Jahre lebte, wurden der Schriftstellerin zum Impetus des fiktionalen Schreibens. Elisa stammte aus einer jüdischen Familie des deutsch-französischen Grenzgebietes, und auch die Großmutter war noch stark geprägt von der jüdischen Familienvergangenheit. Ihre Erzählungen fielen auf fruchtbaren Boden, so dass sich Ulrike Wilhelm zwar wegen des Zeitabstandes nicht genetisch, doch "psychogenetisch" mit dem Judentum verbunden sieht und eine "Sehnsucht nach der eigenen Vergangenheit" bei sich feststellt. Diese Sehnsucht versucht sie mit ihren Büchern zu stillen.

Zur Theaterprinzessin führte ein Fund in einer Straßburger Bücherkiste: der Stich einer Frau. Es war ein Gesicht, welches die Schriftstellerin nicht mehr losließ, denn sie glaubte, bekannte Züge zu erkennen, Gesichtszüge aus der Familie ihrer Mutter. Untertitelt war das Bildnis mit "Rachel". Sie recherchierte und fand heraus, Rachel hieß eigentlich Elisa Félix, eine gefeierte Schauspielerin im 19. Jahrhundert. Weitere Fragen ergaben sich. Gab es eine familiäre Verbindung zu der Schauspielerin? Oder war es ein Zufall, dass sowohl die Urgroßmutter als auch Rachel aus Metz stammten? War es ein weiterer Zufall, dass die Schauspielerin mit bürgerlichem Namen Elisabeth Félix hieß und damit den gleichen Namen wie die Urgroßmutter Elisa Glücklich trug? Nach Aktenlage sind diese Fragen noch nicht geklärt, das steht vielleicht noch aus.

Zunächst wollte sich Ulrike Wilhelm fiktional nähern und schrieb einen Roman, in dem die Schauspielerin Rachel Félix auf Teile ihres Lebens zurückblickt und davon erzählt. Der Roman konzentriert sich auf den Aufstieg am Theater, ihre Auseinandersetzungen mit und in ihrer jüdisch geprägten Familie und den Konflikt, als sie sich unsterblich in den französischen Königssohn Joinville verliebt.

Man darf gespannt sein, ob die Autorin uns eines Tages noch die "wahre Geschiche" erzählen wird und sich dazu auf die Suche nach der Urgroßmutter Elisa macht. Zu hoffen wäre es, denn die biografischen Geschichten aus der Vergangenheit warten nur darauf, gefunden zu werden.

Der erwähnte Roman erschien im Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2002 und kostet €9,50, ISBN 3-7466-1860-6.


©  episteme Kulturdienstleistungen Eva Magin-Pelich M.A.