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Eine symbolische dritte Vertreibung?: Gemeinderat verweigert die Benennung der Grund- und Hauptschule Kippenheim nach Inge-Auerbacher Das badische Kippenheim, eine kleine Gemeinde zwischen Freiburg und Offenburg gelegen, hat sich einen guten Ruf erworben, der über die Ortsgrenze, über die baden-württembergische Landesgrenze, ja sogar über die deutsche Grenze hinausgeht. Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen sind Holocaust-Überlebende aus Kippenheim in alle Welt verstreut, zum anderen stammen aus der ehemaligen Kippenheimer jüdischen Gemeinde, die auf das 17. Jahrhundert zurückgeht, bekannte Persönlichkeiten bzw. gab es enge Verbindungen. So ist der Vater Kurt Weills aus Kippenheim, hatte der weltweit als Schwarzwaldschriftsteller bekannte Bertold Auerbach (eigentl. Moses Baruch Auerbacher) hier familiäre Wurzeln, kommen die Historikerin Selma Stern und die Komponistin Pia Gilbert aus der Ortenauer Gemeinde. Und eben Inge Auerbacher. Inge Auerbacher wurde als letztes jüdisches Kind in Kippenheim geboren „Ich bin das letzte jüdische Kind, das in Kippenheim geboren wurde. Und ich bin optimistisch. (...) Aus dem tiefsten Inneren meines Herzens möchte ich glauben, dass Liebe und gegenseitiger Respekt in einem neuen, demokratischen Deutschland wieder wachsen und gedeihen können.“ So schrieb Inge Auerbacher 2003 anlässlich der Fertigstellung der Ehemaligen Synagoge Kippenheim als einem Ort des aktiven Gedenkens an die Naziverbrechen. Es war ein jahrzehntelanger Kampf, bis die ehemalige Synagoge ihrer heutigen Bestimmung zugeführt werden konnte. Die Gemeinde unter dem Bürgermeister Willi Mathis spielte dabei letztendlich mit dem Kauf und der Außenrenovierung eine beispielhafte Rolle in der Erinnerungsarbeit. Die Verdrängung sollte ein Ende haben. Doch nun gibt es wieder die unsäglichen Stimmen, die rufen, es sei genug. Genug von was oder wem? Ich bin ein Stern Die Haupt- und Grundschule Kippenheim sollte einen Namen erhalten. Man wollte sie Inge-Auerbacher-Schule nennen und damit eine jüdische Person der Zeitgeschichte ehren. Zur Erinnerung: Inge Auerbacher überlebte als Kind drei Jahre Theresienstadt und kehrte mit ihren Eltern 1945 nach der Befreiung zurück nach Baden-Württemberg, genauer nach Jebenhausen, wohin sie zunächst in das Haus der Großeltern nach den Progromen von 1938 aus Kippenheim geflüchtet waren. Doch die Rückkehr aus Theresienstadt war keine endgültige, die Familie fasste nicht mehr wirklich Fuß und wanderte deshalb 1946 in die USA aus. Die Heimat war ein zweites Mal verloren. Bekannt wurde Inge Auerbacher spätestens Mitte der 80er Jahre mit ihrem Buch „Ich bin ein Stern.“ Dieses Buch wendet sich an Kinder und berichtet in einfachen Worten über ihren Weg von Kippenheim nach Theresienstadt und das dortige Überleben. „Ich bin ein Stern“ wurde Teil der Schullektüre für die Unterstufe und ist ein weiterer und nicht unerheblicher Grund für den Bekanntheitsgrad Kippenheims und damit für die vielen Besucher aus dem In- und Ausland, die ihren Weg in die badische Gemeinde finden. Schulklassen oder Einzelpersonen besuchen dort die Gedenkstätte Ehemalige Synagoge, suchen auf dem nahe liegenden jüdischen Friedhof im Ortsteil Schmieheim unter den mehr als 2600 Gräbern nach familiären Wurzeln oder lauschen einem Vortrag des heute in Schmieheim lebenden Zeitzeugen Michael Nathanson, auch er ein Überlebender. Schulkonferenz spricht sich für eine Inge-Auerbacher-Schule aus Nun also - auch dies ein jahrelanger Prozess - sollte die Grund- und Hauptschule Kippenheim auf Beschluss der Schulkonferenz nicht länger namenlos bleiben. Mit der Benennung in Inge-Auerbacher-Schule sollte ein pädagogisches und demokratisches Konzept ausgedrückt werden. Warum Inge Auerbacher? Sie betreibt seit vielen Jahren eine vorbildliche Kinder- und Jugendarbeit, besucht weltweit Schulen, führt Lesungen durch, hält Vorträge, kommt mit den Schülern ins Gespräch. Sie setzt sich ein für ein respektvolles und friedliches Miteinander, für Toleranz und Weltoffenheit, sie zeigt, wie wichtig das Aufbegehren gegen Fremdenhass ist. Sie tut dies anhand ihrer Lebensgeschichte, aber immer ohne Anklage, ohne Hass. Inge Auerbacher ist somit ein Vorbild für die junge Generation. Ist es nicht das, was immer wieder dann gefordert wird, wenn unbegreifliche Dinge geschehen, wenn wir die aggressiven Handlungen unserer Jugendlichen nicht mehr verstehen? Doch so einfach sollte es nicht sein. Eine erste Ablehnung des Antrages erfolgte im Jahr 2001, dem gleichen Jahr, in dem der ehemalige Rektor der Schule, Karl Kopp, als Erster den Inge-Auerbacher-Preis des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises Südlicher Oberrhein e. V. erhielt. Der Preis wird an Personen verliehen, die „sich in besonderer Weise für Toleranz und Menschlichkeit eingesetzt haben“. Böse Zungen könnten nun meinen, die geplante Namensgebung stehe in einem Zusammenhang mit der Preisverleihung, sozusagen als Win-Win-Situation: Namensgebung gegen Preis. Doch weit gefehlt. Badische Mühlen mahlen langsam, die Anregung zur Benennung der Schule nach Inge Auerbacher stammt zwar von Kopp, doch aus dem Schuljahr 1995/96. Taugen nur tote Juden als Namensgeber? Und jetzt, im Januar 2005, also die zweite Ablehnung des erneuten Antrages der Schulkonferenz, einem Gremium aus Lehren, Eltern und Schülern. Die Begründung des in nicht-öffentlicher Sitzung gefassten Beschlusses ist allerdings abenteuerlich und zeigt die Betroffenheit des Bürgermeisters Mathis, der die Entscheidung nach außen verkünden musste. Man sei der Meinung, dass die Schule als Einzige am Ort gar keinen Namen brauche. Zudem sei es nicht üblich, als Namensgeber eine lebende Person zu wählen, unabhängig davon, wer diese Person sei. Hinter vorgehaltener Hand allerdings war zu hören: Es sei genug getan, man befürchte eine Überbewertung der jüdischen Ortsgeschichte. In den nächsten Tagen wurde diese Entscheidung in der Badischen Zeitung kontrovers diskutiert. Wie immer, gibt es zwei Lager: die Befürworter und die Gegner. Dagegen wäre normalerweise nichts einzuwenden, sehr wohl aber an den vorgebrachten Gründen, die da meinen, Kippenheim habe die Gedenkstätte, habe Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunther Demnig (bei diesem Beschluss war der Gemeinderat übrigens nicht vollzählig versammelt) und man habe mit der Benennung des evangelischen Kindergartens im Ortsteil Schmieheim in Hannah-Baumann-Kindergarten doch schon sein gutes Teil beigetragen. (Zur Erklärung: Auch Hannah war ein letztes jüdisches Kind, nämlich in Schmieheim. Im Alter von sechs Jahren wurde sie von den Nazis erschossen.) Das reiche jetzt, und man verbitte sich auch die Einmischung von außen in Kippenheimer Belange. Diese Argumentation zeigt eben, dass nicht die Person Inge Auerbacher abgelehnt wird, sondern ihr Judentum. Ihr Name steht als Metapher für die jüdische Ortsgeschichte, was bedeutet, man lehnt sie ab, weil sie Jüdin ist. Und genau in diesem Fakt, der sicherlich, wie auch damals im Fall Hohmann, von vielen übersehen wird, liegt der Skandal, liegt der latente Antisemitismus. Inge Auerbacher verkörpert die in öffentlichen Diskussionen eingeforderten Werte Welche Argumente bringen die Befürworter ein? Sie beklagen die vertane Gelegenheit, die sich den Schülern einer Inge-Auerbacher-Schule böte. Denn sie könnten sich mit ihrer Schule, und damit einer prägenden Institution, besser identifizieren, wenn sie diese mit einer Person in Verbindung bringen, mit der sie noch in Kontakt treten können, sich austauschen können, dies teilweise auch schon getan haben. Was für ein Glück, sagen sie, wenn man eine noch lebende Person findet, die sich zur Benennung einer Schule eignet und man ihr mit der Namensgebung Dank sagen kann für das, was sie tut. Hinzuzufügen ist dem, dass man Inge Auerbacher damit auch eine symbolische Rückkehr in ihren Geburtsort ermöglichen würde, wie dies ja auch die Stolpersteine für andere tun. Die Benennung der Schule könnte auch als Krönung einer vorbildlichen Erinnerungsarbeit gesehen werden, die das bisher Erreichte vervollständigt und ein weiteres Zeichen der Versöhnung darstellt. Nicht immer hat man eine dritte Chance, doch der Gemeinderat im badischen Kippenheim könnte noch einlenken Mit diesen zwei Lagern sind wir wieder einmal bei dem Dilemma angekommen, an dem Deutschland noch immer krankt und so lange kranken wird, als man sich nicht zu seiner Geschichte mit all ihren Auswirkungen aktiv bekennt. Aber gerade heute, 60 Jahre nach dem Ende des Terrors, gibt man sich lieber einer Opferkultur hin und zählt die eigenen Toten, ohne zu bedenken, dass man Hitler an die Macht kommen ließ. Noch immer wird missverstanden, dass aktive Erinnerungsarbeit nichts mit Schuldzuweisungen zu tun hat, dass die Diskussionen viel entkrampfter verlaufen könnten, wenn Einzelne sich der Schuld bewusst wären und sie auch annähmen. Ja, unsere Großmütter und -väter waren schuldig, sie verhinderten nicht die Machtübernahme Hitlers, sie ließen es zu, dass ihre jüdischen Nachbarn nicht nur verschwanden, nein, oftmals zogen sie daraus sogar noch ihren Nutzen, indem sie sich an dem Eigentum, das die Nachbarn gezwungen wurden zurückzulassen, bereicherten. Wer das erkannt hat und sich dazu bekennt, der trägt dazu bei, dass nicht vergessen wird. Und nur das ist heute, 2005, wichtig: Aktives Erinnern legt nämlich auch Geschichtsfälschern das Handwerk, verhindert rechtsradikales Gedankengut, macht immun gegen eine Wiederholung der Geschichte. Die zu beobachtende Opferkultur ist da nicht hilfreich, die Toten können nicht aufgerechnet werden, Ursache und Wirkung dürfen nicht vermischt werden. Man hat mit einer Benennung der Schule nach Inge Auerbacher eine einmalige Gelegenheit zur Geschichte des Ortes und damit auch zur deutschen Geschichte zu stehen. Schon aus diesem Grund ist der Skandal keine lokale Angelegenheit, denn die Geschichte Kippenheims ist auch ein Abbild der Geschichte Deutschlands. Der Förderverein der Ehemaligen Synagoge regte in einer Erklärung an, dass der Gemeinderat das Gespräch mit den Bürgern suchen und die Entscheidung überdenken solle. Dem ist nichts hinzuzufügen, als dass der Gemeinderat gut beraten wäre, diesen Rat anzunehmen. Doch Impetus sollte hierbei nicht eine befürchtete Rufschädigung sein, sondern der ehrliche Umgang mit einer Frau, die selbst Größe im Umgang mit Deutschland und den Deutschen bewiesen hat. © episteme Kulturdienstleistungen Eva Magin-Pelich M.A.
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